Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

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Utopie der Moderne: Zlín /


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1968|1989 /

 
Eine Initiative der
Kulturstiftung des Bundes
 

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Internationales Symposium Utopie der Moderne: Zlín

19.-23.05.2009, Prag und Zlín

Das tschechische Zlín ist heute zweierlei: ein historisch bedeutendes Baudenkmal, aber auch eine dynamische Stadt mit einem vitalen sozialen und geschäftlichen Leben und der Sitz der Tomáš-Baťa-Universität mit 10.000 Studenten. Vom Schuhkonzern Baťa in den 1920er-Jahren als Werksstadt erbaut, in der Leben und Arbeiten zu einer vollkommenen Symbiose finden sollten, trägt Zlín ein bedeutendes architektur- und ideengeschichtliches Erbe mit sich, das noch heute überall zu spüren und abzulesen ist.

Zlín ist ein Musterbeispiel für eine Planstadt, in der das ganze Leben, also Wohnen, Bildung und Freizeit, auf ein einziges Ziel – in diesem Fall die Effizienz einer rasant expandierenden Schuhfabrik – hin ausgerichtet war. Das macht seine aktuelle Relevanz für Stadtplaner und Architekten aus. Mitten im südöstlichen Mähren gelegen, ist diese moderne Planstadt in Europa einzigartig. Nach Henry Fords Vorbild fabrizierten die Arbeiter am Fließband das Produkt Schuh, das der Marke Baťa bald zu weltweiter Verbreitung verhelfen sollte.

Das mit hochkarätigen internationalen Wissenschaftlern besetzte Symposium ging der Frage nach, inwieweit sich Zlín für aktuelle Fragestellungen der Stadtplanung und Architektur und damit als Lernmodell für die Zukunft erweisen kann. Denn Zlín ist heute ein irritierender Fall, der weder mit den Kritikmustern der Postmoderne noch mit den Gewissheiten der Moderneverteidiger übereinstimmend in Einklang gebracht werden kann. Es ergeben sich Fragen nach dem Erbe des Fordismus, postsozialistischem Strukturwandel, architektonischem Branding und Corporate Identity – und nicht zuletzt nach dem Verbleib des sozialutopischen Denkens für unsere Gegenwart.

Diese Überlegungen wurden nicht bloß abstrakt angestellt, sondern durch Eindrücke vor Ort intensiviert. Daher war das Symposium kein geschlossenes Veranstaltungsformat, sondern es wurde durch sogenannte „Walks & Talks“ – thematische Stadtspaziergänge mit Expertengesprächen – ergänzt. Diese boten Gelegenheit zu einer intensiven Begehung des Kosmos Baťa und zeigten, wie sich der Alltag der Bewohner heute in diesem Denkmal der Moderne gestaltet. Filmnächte im Großen Kino präsentierten historische Werbefilme, Dokumentationen und Produktionen von jungen Absolventen der Zlíner Filmschulen sowie das humorvolle Roadmovie „Bata-ville: We are not afraid of the future“ der britischen Künstlerinnen Karen Guthrie und Nina Pope. Eine Clubnacht mit Konzerten und VJing im ehemaligen Getreidesilo der Stadt begleitete das Programm des Symposiums.

Eine Veranstaltung von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes, mit dem Haus der Kunst in Brno, der Bezirksgalerie für bildende Kunst in Zlín und der Nationalgalerie in Prag; in Zusammenarbeit mit Stiftung Bauhaus Dessau – Bauhaus Kolleg, Thomas Bata Foundation, Tomáš Baťa-Universität, Filmstudios Zlín und Schuhmuseum Zlín. Mit freundlicher Unterstützung der Zlíner Region und der Statutarstadt Zlín.

Programm | Bilder | Videodokumentation | Publikation | Projektpartner


Hintergrundtexte

Bas Princen, Zlín 2009, Fotografien
Der niederländische Fotograf Bas Princen nimmt die historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Zlín zum Ausgangsmaterial für eine neue fotografische Übersetzung der frühen Stadtikonographie: Er porträtiert Zlín aus einem Blickwinkel, der die Aura der Architekturen festhält, aber auch die Spuren ihres Gebrauchs. In seinen Bildern stehen die wechselhafte Vergangenheit, die Gegenwart und Anklänge an eine nicht allzu ferne Zukunft nebeneinander. In diesem Spannungsfeld soll auch das aktuelle Denken und Sprechen über Zlín seinen Ort haben. Princens fotografische Momentaufnahmen können als Rahmen für die im Titel „Utopie der Moderne: Zlín“ gefassten Diskurse dienen.
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Zlín – die erfüllte Moderne
Von Regina Bittner

Eine Stadt für eine Schuhfabrik: Der Unternehmer Tomáš Baťa hat der linken Avantgarde mit dem Bau des mährischen Zlín den Fehdehandschuh hingeworfen. In den 1920er- und 1930er-Jahren ließ er ein riesiges Labor für gemeinschaftliches Leben und Arbeiten errichten. Bis in den letzten Winkel war diese „City of functionalism“ auf Effizienz getrimmt. Alle schienen gleich zu sein, allerdings nicht im Sinne einer antikapitalistischen Utopie, sondern ganz im Gegenteil im Dienste der fordistischen Fließbandproduktion. Regina Bittner erklärt, auf welchen Traditionen die Idealstadt Zlín fußt und warum sie heute nicht zum Museum werden soll.
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