Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

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1968|1989 /

 
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Kulturstiftung des Bundes
 

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Newsletter #20

ČESKÁ VERZE VIZ NÍŽE

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Leserinnen und Leser!

Ein letztes Mal bitten wir um Ihre Aufmerksamkeit für die deutsch-tschechischen Kulturprojekte, die wir, Zipp, als Initiative der Kulturstiftung des Bundes in den letzten drei Jahren entwickelt und ermöglicht haben. Ein letztes Mal? Es ist leider wahr: Mit den Veranstaltungen, die wir Ihnen in diesem 20. Newsletter ankündigen, endet unsere Arbeit auf dem Feld des bilateralen Kulturaustauschs zwischen Deutschland und Tschechien. Das ist aber kein Grund zur Trauer. Wir sind nämlich sehr zuversichtlich, dass vieles, was dadurch auf den Weg gebracht wurde, weitergeht, dass weitere Kooperationen von Künstlern und Institutionen, die in den letzten Jahren erstmals gemeinsam gearbeitet haben, noch am Anfang stehen oder vielleicht noch gar nicht begonnen haben. Denn durch ein langfristiges Nachleben erweist sich erst die besondere Qualität der Initiativprojekte, die die Kulturstiftung des Bundes in ähnlicher Form auch schon für unsere Nachbarländer Ungarn und Polen ins Leben gerufen hat.

Worum – noch einmal zur Erinnerung – ging es in der Arbeit von Zipp? Im Fokus der künstlerischen Auseinandersetzung standen stets Fragen von besonderer gesellschaftlicher Relevanz für die beiden Nachbarländer. Fragen nach dem Erbe der Demokratiebewegungen, dem gegenwärtigen Umgang mit historischen Traumata und dem ökonomischen Transformationsprozess nach 1989 sowie nach der Zukunft unserer Städte. Künstler, Kulturschaffende und Wissenschaftler sehr unterschiedlicher Provenienz haben sich unter dem Dach von Zipp zusammengefunden. Die künstlerischen Produktionen, die sie erarbeitet haben, gehören in die verschiedensten Sparten: Theater, Film, Radio, Architektur, Bildende Kunst und Zeitgeschichte.

Der nachfolgende Überblick über die Projekte der letzten Jahre kann an dieser Stelle nur sehr kursorisch ausfallen. Für eine weitergehende und vertiefende Beschäftigung damit besuchen Sie doch bitte unsere Webseite www.projekt-zipp.de, die nun zum Abschluss detailliert mit Texten, Bildern und Hintergrundmaterialien zu allen Projekten aktualisiert wurde.

So vielfältig die Herangehensweisen und so unterschiedlich die künstlerischen oder wissenschaftlichen Ausdrucksformen waren, dienten vier thematische Linien zur Orientierung in den zwischen Deutschland und Tschechien entstandenen Kulturprojekten:

Unter dem Begriff Lebenswelten spielten weltweit bedeutsame Themen wie Ökonomie, Tourismus und Migration eine Rolle, die aber im regionalen Kontext ganz konkret die Befindlichkeiten der deutsch-tschechischen Nachbarn bestimmen. Gewissermaßen mit dem Zoomobjektiv wurden hier sehr genau konkrete Lebensumstände in den Blick genommen. Das gilt für die Radiokunstarbeiten des Projekts rádio d-cz, in denen individuelle und kollektive Erfahrungswelten aus beiden Ländern in Klang verwandelt wurden. Das gilt auch für das Theaterstück Vùng biên giới der Gruppe Rimini Protokoll, das die Situation ehemaliger Vertragsarbeiter aus Vietnam unter die Lupe nimmt – und zwar dies- und jenseits der deutsch-tschechischen Grenze. Und schließlich für das Filmprojekt Breathless, das die Frage der Zeiterfahrung in den Mittelpunkt deutscher und tschechischer Dokumentarfilme gestellt hat.

Utopie der Moderne : Zlín, das war der zweite Themenstrang, unter dem die Perspektiven des Zusammenlebens in der Stadt erörtert wurden. Der Ausgangspunkt war architekturgeschichtlich, die Perspektive aber wies ins Utopische: Die mährische Modellstadt Zlín wurde von dem Schuhfabrikaten Tomas Bat’a nach einem umfassenden Ideal einer Symbiose von Leben und Arbeit errichtet. Noch heute inspiriert dieses beispiellose Projekt Urbanisten und Architekten. Wie die Diskussionen eines international besetzten Symposiums und eine Ausstellung unter Beweis gestellt haben, ist die Frage nach der Planbarkeit von Stadt noch immer virulent. Wissenschaftler und Künstler sind ihr im Hinblick auf ökonomische, soziale, biographische und architektonische Zusammenhänge nachgegangen.

Zwei Jahreszahlen, 1968 und 1989, bildeten den Rahmen des Themenschwerpunkts 68/89 – Kunst.Zeit.Geschichte. Unter grundverschiedenen ideologischen Vorzeichen drängte die Revolte von 1968 in Ost und West auf einen gesellschaftlichen Umbruch, und es fragt sich, ob und inwieweit sich die Träume der einstigen Barrikadenstürmer dreißig Jahre später erfüllt haben. Von der Gegenwart ausgehend widmeten sich Zeitzeugen, Historiker, Theatermacher und Künstler der Bedeutung dieser entscheidenden Schwellendaten und diskutierten über die Anschlüsse zu aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten. Aus diesen Diskussionen ist im Berliner Metropol-Verlag ein Sammelband aus mehreren Publikationen entstanden.

Der vierte Themenschwerpunkt war schließlich einem Dichter gewidmet, dessen Name wie kein anderer für die literarische Tradition der beiden Nachbarländer einsteht: Kafka. Die berühmte literaturwissenschaftliche Kafka-Konferenz von Liblice im Jahr 1963 gilt als ein entscheidender intellektueller Vorbote des Prager Frühlings, weshalb nun am selben Ort erneut eine Konferenz ausgerichtet wurde, bei der Literaturwissenschaftler, Historiker und Zeitzeugen nach der politischen Bedeutung der Literatur fragten und die historischen Schlüsselszenen zu einander in Beziehung setzten. Zipp unterstützte auch die wissenschaftliche Arbeit an der auf 30 Bände angelegten historisch-kritischen Kafka-Ausgabe, die die Germanisten Roland Reuß und Peter Staengle für den Stroemfeld-Verlag besorgen.

Auch in diesem letzten Newsletter möchten wir Sie aber noch einmal auf aktuelle Termine und Entwicklungen aus unserer Arbeit hinweisen:

Nachdem das Theaterstück Vùng biên giới von Rimini Protokoll bereits mit großem Erfolg in Dresden, Prag und Brünn zu sehen war, gastiert es nun am Berliner Hebbel-am-Ufer-Theater. Die Premiere ist am 5. Mai im HAU 2 um 20 Uhr, weitere Vorstellungen folgen vom 6. bis zum 8. Mai täglich um 20.00 Uhr, am 9. Mai um 16 Uhr. Am 28. Mai ist die Produktion im polnischen Torun zu Gast, dort wird das Stück im Rahmen des seit 1991 ausgerichteten Theaterfestivals KONTAKT gezeigt.

Zudem stellt die Gruppe Rimini Protokoll ab 5. Mai auf ihrer Webseite eine „Materialbox“ zur Verfügung. Hier lässt sich ihre Beschäftigung mit der vietnamesischen Diaspora in Deutschland und Tschechien durch reichhaltiges Hintergrundmaterial und vertiefende Texte nachvollziehen. Vor oder nach dem Theaterbesuch – wir raten unbedingt zum Besuch dieser einzigartigen Webseite. In den Sprachen Deutsch, Tschechisch und Vietnamesisch richtet sie sich sowohl an ein breites Publikum als auch an die spezifischen Communities, aus denen heraus diese Theaterarbeit entstanden ist: www.rimini-protokoll.de/materialbox/vung-bien-gioi/

Nicht zuletzt könnte Sie der Katalog zur Ausstellung „Sounds. Radio – Kunst – Neue Musik“ interessieren, die von Februar bis März 2010 im Berliner n.b.k. stattgefunden hat (wir berichteten in unserem letzten Newsletter darüber). Dieser Publikation aus dem Verlag Walther König sind fünf CDs beigelegt, die Ihnen die Möglichkeit geben, den Radiokunstarbeiten aus dem Projekt rádio d-cz zu lauschen. Im Archivteil des Katalogs werden diese mit Beschreibungen historischer und zeitgenössischer Referenzstücke ergänzt. In einem Interview wird an die Geschichte des Experimentalstudios in Bratislava in den 1960er bis 1980er Jahren erinnert – bis hin zum Boom „postkommunistischer Sounds“ in den 1990er Jahren. Ausgewählte Fachautoren ergänzen das Hörbare mit Erörterungen zur Geschichte und Gegenwart des Mediums Radio im Verhältnis zur Bildenden Kunst und zur Neuen Musik, begleitet von einer Originalpartitur des Künstlers Rolf Julius.

Nun endlich wünschen wir Ihnen einen warmen Sommer. Und verlieren Sie auch künftig die deutsch-tschechischen Kulturprojekte nicht aus dem Auge – sie müssen nun ohne uns weitergehen!

Ihr Zipp-Team

 
 

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