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Newsletter #13

Sehr geehrte Damen und Herren!
Liebe Leserinnen und Leser!

Seit beinahe zwei Jahren bringt Zipp nun deutsch-tschechische Kulturprojekte auf den Weg, und fast zwei Jahre hat es auch bis zur Entstehung dieser fünf Filme gedauert: Dass wir Ihnen heute die gemeinsame Uraufführung der Filme unter dem Titel „BREATHLESS – Dominance of the Moment“ ankündigen dürfen, ist umso schöner, als wir diesen Prozess von Beginn an mit begleitet haben. Gemeisam mit DOK Leipzig und dem Prager Institute of Documentary Film (IDF) hatten wir im Frühjahr 2008 in einer Ausschreibung dazu aufgerufen, das Thema „Beschleunigung“ und „Zeit“ im Dokumentarfilm umzusetzen. Die Reaktion darauf war überwältigend. Es folgten nicht weniger als 130 Einreichungen, von denen eine international besetzte Jury am Ende aber nur eine Handvoll berücksichtigen konnte. Unterstützt von renommierten Mentoren hatten die ausgewählten Regisseure dann in mehreren Workshops die Gelegenheit, ihre Dokumentarfilmideen, auch im gegenseitigen Austausch, bis zur Produktionsreife zu entwickeln.

Nun also ist es soweit. „BREATHLESS – Dominance of the Moment“ feiert seine Premieren auf dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm (29. Oktober) und dem International Documentary Festival Jihlava (30. Oktober). Die fünf BREATHLESS -Filme werden danach auf verschiedenen Festivals zu sehen sein und schließlich in Deutschland und in Tschechien im Fernsehen gezeigt. Der Kinostart in Deutschland steht für Ende Dezember 2009 an.

Worum geht es in diesen Filmen? Auf sehr verschiedene Art und Weise setzen sich die einzelnen Regisseure mit der alltäglichen Beschleunigung unseres Lebens auseinander. Welche Konsequenzen haben die neuen Technologien und Kommunikationsweisen unserer global vernetzten Welt? Mobilität, Flexibilität und Multitasking sind zu den Chiffren unserer Existenz geworden – wie aber ist dieses Leben unter permanentem Zeitdruck überhaupt zu ertragen? Gibt es womöglich noch Alternativen?

In „Time’s Up“ entwerfen Marie-Catherine Theiler und Jan Peters eine Art Versuchsanordnung. Die wenigen Sekunden eines Autounfalls und die Nachricht von Marie-Catherines Schwangerschaft reißen die beiden Filmemacher aus ihrer Alltagshektik und werden zum Auslöser für ihr ganz persönliches Zeitexperiment. Während der neun Monate lassen die Regisseure nichts aus, um mit Witz und Ironie zu untersuchen, wie die heutige Gesellschaft - und vor allem sie selbst - mit dem Thema 'Zeit' umgehen.

Karel Žaluds „Phantom of Liberty II“ zeigt uns sehr fragmentarische Episoden. Ein Maler fertigt in einer Bahnhofshalle ein riesiges Wandgemälde an, vom Bahnsteig fährt ein Zug los, darin zwei ältere Ehepaare, die miteinander scherzend einen Ausflug ins Grüne machen, aus dem Zugfenster sieht man einen Mann auf einem Moped, am Straßenrand brennt ein Auto, daran vorbei fährt ein Bestatter auf dem Weg zu seiner Arbeit. Aber keiner der Protagonisten wird einem anderen je begegnen, die Geschichten fügen sich nicht zusammen. Der eigentliche Hauptdarsteller ist die Zeit selbst. Welchen Einfluss, so fragt Žalud, hat sie auf unser Verhalten und unsere sozialen Rituale? Wie lässt sich in derselben Zeitspanne eine beiläufige Szene erleben und das Aufscheinen der Ewigkeit im Angesicht des Todes?

Vom Stillstand handelt auch Rainer Komers „Milltown Montana“, nur dass hier nicht der Mensch, sondern eine Landschaft im Zentrum steht. Ohne Dialoge erzählt diese Bild- und Soundcollage von der ehemals größten Bergbaustadt der USA, die, mittlerweile durch Gifte und Schwermetalle ruiniert, als eine vom Menschen gemarterte Brache erscheint. Die Uhr tickt, niemand weiß wohin mit dem Giftschlamm, Leben in und nach der ökologischen Katastrophe.

Jan Gogolas „I Love My Boring Life“ führt zurück nach Europa – dieser Film inszeniert das Tagebuch einer älteren Frau aus dem Prager Stadtteil Zbraslav. Fünf Jahre lang hat Alena Němcová viele Nebensächlichkeiten notiert, die den offiziellen Chroniken sonst entgehen: die Wettervorhersagen, ihre Träume, die morgendlichen Verrichtungen, ihre Mahlzeiten und Hausarbeiten – aber auch Bemerkungen zum jeweils aktuellen Weltgeschehen, zur Religion und generell dem Geist der Zeit. Gogola überblendet diese Aufzeichnungen mit einem zweiten Tagebuch, das schon Alenas Schwiegermutter zehn Jahre lang im selben Haus geführt hatte. In der Überlagerung dieser Zeitebenen entsteht, ausgehend von einem engen räumlichen Nukleus, ein beziehungsreiches Zeitpanorama.

Die fünfte Arbeit, Anca Miruna Lazarescus „Es wird einmal gewesen sein“, ist einem Kunstwerk gewidmet, das das Vergehen der Zeit auf hochkonzentrierte Weise thematisiert. Lazarescu beobachtet mit der Kamera, wie in einer kleinen Kirche in Halberstadt ein Musikstück des Komponisten John Cage zur Aufführung gebracht wird. Das Werk „Organ 2/ASLSP“ trägt eine Spielanweisung im Titel: „As slow as possible“ bedeutet, dass es von Tonwechsel zu Tonwechsel Monate, manchmal sogar Jahre dauert. So beträgt die Gesamtspieldauer 639 Jahre; das Ende des Konzerts im Jahr 2640 wird also kein Zeitgenosse mehr erleben. Vor Ort zeigt Lazarescu auf humorvolle Weise, wie die Beteiligten dieser Aufführung mit dieser Idee von Ewigkeit umgehen, die sie zugleich mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert.

Die Filme wurden produziert von Kloos & Co. Medien (Berlin) und endorfilm (Prag). Lesen Sie weiter unter www.breathless-films.com

Außerdem möchten wir Sie daran erinnern, dass „Vùng biên giới“, eine Theaterproduktion von Rimini-Protokoll, auf die wir im letzten Newsletter ausführlich hingewiesen haben, am 2. und 3. November im Rahmen des Prager Theaterfestivals deutscher Sprache seine Premiere in Tschechien haben wird. Wir sind darauf sehr gespannt, die Dresdner Premiere des Stückes in der vergangenen Woche war bereits ein voller Erfolg.

Weiter Informationen unter www.theater.cz

Mit diesen Empfehlungen für eine vielleicht weniger atemlose Zeit und herzlichen Grüßen,

Ihr Zipp-Team

 
 

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