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Newsletter #11

Sehr geehrte Damen und Herren!
Liebe Leserinnen und Leser!

Zum Glück ist der Sommer noch nicht vorbei, und doch dürfen wir Sie bereits jetzt auf einige Termine aus dem Herbstprogramm unserer deutsch-tschechischen Kulturprojekte aufmerksam machen:

In unserem letzten Newsletter hatten wir schon auf erste Sendedaten für Radiokunst-Produktionen aus der Reihe „rádio d-cz“ hingewiesen; diese findet nun ihre Fortsetzung: Im September werden die Stücke „Tatra“, „Favourite Sounds of Prague“, „Durch kalte Länder“ und „Furt dokola / In einem Fort“ zu hören sein. Und allein diese vier Hörspiele zeigen die enorme thematische Spanne auf, die diese Radioarbeiten deutscher und tschechischer Autoren ausmacht.

Werner Pöschkos und Marek Janáčs „Tatra“ erinnert an die tschechischen Ingenieure Hanzelka und Zikmund, die in den 1950er und 1960er Jahren in einer futuristischen Limousine aus tschechischer Produktion die Wüsten und Urwälder in der ganzen Welt bereisten und es durch ihre Radioreportagen, Filme und Reiseberichte in ihrer Heimat zu einer immensen Popularität brachten.

Eine ganz andere Erzählstruktur liegt der Arbeit „Favourite Sounds of Prague“ von Peter Cusack und Miloš Vojtěchovský zugrunde: Diese haben im vergangenen Jahr Bürgerinnen und Bürger der Stadt Prag nach ihrem Lieblingsgeräusch befragt und den Gesprächen eine umfassende Sound-Recherche zur Seite gestellt. Das Stück setzt Klänge und Interviews zueinander in Beziehung und macht die Veränderungen einer Stadt als Veränderungen der urbanen Tonspur deutlich. Das Bewusstsein für verschwindende Geräusche und das Nachdenken über Klänge eröffnet den Zugang zu einer anderen Topographie – einer Topographie, die sich so nicht in den Medien Text oder Bild darstellen ließe.

In dem Stück „Durch kalte Länder“ entführt Jáchym Topol seine Hörer auf einen chaotischen Trip von Theresienstadt nach Minsk und folgt in dieser Reisegroteske den noch immer unverarbeiteten Spuren des Zweiten Weltkriegs. Überall lauern Traumata, die auf skurrile Weise Gestalt annehmen und sich als Formen des kollektiven Unbewussten entpuppen. Wenn die Erinnerung an den Krieg ganz plötzlich mit zerstörerischer Kraft in die Erfahrungen der Nachgeborenen hereinbricht, produziert das ein beklemmendes Gefühl von Verwundbarkeit und Unsicherheit – auch bei denjenigen, die die Vergangenheit bereits erfolgreich verdrängt zu haben glaubten. „Durch kalte Länder“ ist die erste eigens fürs Radio produzierte Arbeit des als Schriftsteller auch in Deutschland sehr prominenten Jáchym Topol.

Keine Reise, sondern sehr unmittelbare und buchstäblich kurzsichtige Blicke führen die Autoren Kateřina Šedá und Rolf Simmen in ihrem Hörstück „Furt dokola / In einem Fort“ vor. Wie, so fragen sie sich, präsentiert sich das alltägliche Zusammenleben aus allernächster Nähe? Dazu ist Šedá in ihrem Heimatort Brno Líšeň über Gartenzäune geklettert, die nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ dort paradoxerweise immer höher gezogen worden sind. Ihre Intervention griff direkt in die Privatsphäre der betroffenen Grundstücksbesitzer ein und provozierte so territoriale Konflikte im nachbarschaftlichen Kleinformat. Die Arbeit, die im Zuge der „berlin biennale für zeitgenössische kunst“ ihren Ausgang nahm, wo vierzig Berlin-Besucher aus Líšeň auf einem ehemaligen Berliner Mauerstreifen mit Nachbauten ihrer heimischen Gartenzäune konfrontiert wurden, dokumentiert das Thema Grenzverletzung im akustischen Medium, vor allem anhand von Interviews der beteiligten Akteure.

Die Produzenten der Radiostücke sind Deutschlandradio Kultur, SWR, WDR, ORF und Český rozhlas. Weitere inhaltliche Details zu diesen Arbeiten sowie die jeweiligen Sendetermine finden Sie unter: http://www.projekt-zipp.de/de/lebenswelten/radio_d-cz/Radioarbeiten

Vom 16. bis zum 22.November findet in der Galerie tranzitdisplay in Prag zudem eine Ausstellung mit begleitenden Workshops und Lectures statt, durch die sich das Projekt rádio d-cz in umfassender Form präsentiert.

Der Herbst unserer deutsch-tschechischen Kulturprojekte findet aber keineswegs bloß im Radio statt. So steht am 9. Oktober und am 2. November – zunächst im Staatsschauspiel Dresden, dann im Rahmen des Prager Theaterfestivals deutscher Sprache in Zusammenarbeit mit dem Nationaltheater Prag – eine ganz besondere Theaterpremiere an. Die Gruppe Rimini Protokoll bringt ihre neue Arbeit „Vùng biên giới“ auf die Bühne. Hinter diesem kryptischen – nämlich vietnamesischen – Titel verbirgt sich eine Auseinandersetzung mit jenen Arbeitsmigranten aus Fernost, die in sozialistischer Zeit in das deutsche (DDR) bzw. tschechoslowakische Bruderland (ČSSR) ausgewandert sind. Heute beginnt sich die Kindergeneration der ehemaligen Vertragsarbeiter aus einer gesellschaftlichen Diaspora-Situation zu lösen, die in Imbisstuben, Mini-Märkten und Grenze-Läden angesiedelt war. „Ein Staatsschauspiel“ nennt die Gruppe Rimini Protokoll dieses Stück, das in erprobter Manier auf ausführlichen Recherchen vor Ort basiert ist und anstelle von professionellen Schauspielern mit sogenannten „Experten des Alltags“ arbeitet – Menschen, die dem Publikum im Theaterraum von ihrer ganz konkreten Lebenswirklichkeit berichten. Dieses deutsch-tschechische Projekt ermöglicht den Zuschauern in Prag und Dresden eine neue Perspektive auf das jeweilige Nachbarland. Es ist der Blick auf die vermeintliche Heimat – gesehen durch die Brille einer dritten Gruppe, die – da wie dort – ebenfalls zu Hause ist.
Mehr zu „Vùng biên giới“ und den Aufführungsterminen finden Sie auf der Webseite http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Neben diesen Radio- und Theaterprojekten dürfen wir Sie auf einen Dokumentarfilmschwerpunkt unseres Programms hinweisen, der zwischen dem 26. Oktober und 2. November in Leipzig und im tschechischen Jihlava öffentlich zu sehen sein wird – auf zwei Dokumentarfilmfestivals, die in beiden Städten und in Kooperation miteinander stattfinden. In Zusammenarbeit mit DOK Leipzig und dem Institute of Documentary Film in Prag hatte unser Projekt „Breathless“ Dokumentarfilmer zu Arbeiten über ein aktuelles Thema aufgerufen: Zeit und Zeitmangel, Kommunikation und Informationsflut in einer globalisierten Welt stehen im thematischen Fokus der nun ausgewählten Filme. Dabei ging es auch darum, Filme zu fördern, die in der aktuellen Fernsehlandschaft sonst keinen Platz finden würden. Schließlich stellt diese eine ernsthafte Bedrohung des künstlerisch anspruchsvollen Dokumentarfilms dar. Dass dieser in Tschechien und Deutschland aber überaus lebendig und facettenreich ist, will „Breathless“ einem möglichst breiten Publikum vor Augen führen. Produziert werden die Dokumentarfilme von Kloos & Co. Medien in Berlin und endorfilm in Prag.

Über die Einzelheiten dieses Projektes können Sie sich informieren unter: http://www.dok-leipzig.de/.

Schließlich möchten wir Sie auf die Ausstellung „Zlín – Modellstadt der Moderne“ des Architekturmuseums der TU München in der Pinakothek der Moderne hinweisen: Vom 19. November 2009 bis zum 22. Februar 2010 wird in Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie in Prag und der Bezirksgalerie für bildende Kunst in Zlín dort die Geschichte dieser südmährischen Modellstadt vor Augen geführt. Die Ausstellung greift auf die Ergebnisse eines international besetzten Symposiums zurück, das Zipp zuletzt vor Ort ermöglicht hat und präsentiert das von 1923 an errichtete Zlín als riesiges Labor eines gemeinschaftlichen Lebens und Arbeitens. Das geschickte Unternehmertum des Schuhfabrikanten Tomáš Baťa und die nach fordistischem Vorbild angelegte Werks- und Wohn-Stadt mündeten in ein beispielloses soziales Experiment, das für Architekten und Stadtplaner bis heute ein kontrovers diskutiertes und fruchtbares Studienobjekt ist.

Weitere Informationen zu dieser Ausstellung finden Sie unter: http://www.projekt-zipp.de/de/zlin/zlin_modellstadt/das-projekt.

Mit diesen Aussichten auf einen hoffentlich goldenen Herbst entlässt Sie – und wünscht bis dahin noch einen schönen Sommer –

Ihr Zipp-Team

 
 

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