Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

Lebenswelten /


Utopie der Moderne: Zlín /


Kafka /


1968|1989 /

 
Eine Initiative der
Kulturstiftung des Bundes
 

Zipp Newsletter

Wenn Sie Interesse an aktuellen Informationen zu Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte haben, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.
Wenn Ihre Anmeldung erfolgreich war, erhalten Sie per Email eine Anmeldebestätigung.

Ihre eMail-Adresse:
anmelden / abmelden


Newsletter #09

Sehr geehrte Damen und Herren!
Liebe Leserinnen und Leser!

Im Mai möchten wir Sie herzlich zu einer Reise ins südostmährische Zlín einladen. Zweierlei ist auf dieser Tour zu entdecken: zum einen ein historisches Baudenkmal, dessen immense Bedeutung noch immer nicht angemessen gewürdigt worden ist; zum anderen eine Stadt mit einem geschäftlichen Treiben und dem Sitz einer Universität mit 10 000 Studenten. Denn Zlín ist heute weder eine postindustrielle Brache noch ein Freiluftmuseum.
„Utopie der Moderne : Zlín“, so heißt das mit hochkarätigen internationalen Wissenschaftlern besetzte Symposium, das am 19. Mai mit einem Vortragsprogramm und einer Führung durch die Ausstellung „Das Phänomen Baťa. Zlíner Architektur 1910 – 1960“ in der Prager Nationalgalerie beginnt und anschließend vom 20. – 23. Mai in Zlín stattfindet.
Auf unseren Internetseiten www.projekt-zipp.de das aktuelle Programm, sowie organisatorische Hinweise und Anmeldebogen zu den „walks & talks“, kommentierten Spaziergängen durch die Stadt.

Die Teilnahme am Symposium ist konstenlos, wir bitten um Anmeldung unter zlin@projekt-zipp.de

Das Symposium wird veranstaltet von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes, gemeinsam mit dem Haus der Kunst in Brünn, der Bezirksgalerie für bildende Kunst in Zlín und der Nationalgalerie in Prag; in Zusammenarbeit mit der Stiftung Bauhaus Dessau, Bauhaus Kolleg – Bauhaus Kolleg, der Thomas Bata Foundation, der Tomáš-Baťa-Universität, den Filmstudios Zlín und dem Schuhmuseum Zlín; und mit freundlicher Unterstützung der Zlíner Region und der Statutarstadt Zlín.

Warum ist Zlín diese Reise wert, was macht es so interessant, und warum ist dieser Ort nicht bloß von historischem Interesse, sondern auch ein Erkenntnisschlüssel für die brisanten Fragen unserer Gegenwart? Zlín ist nicht weniger als eine Zukunftsfabrik und hat deshalb Modellcharakter für planerische Grundsatzfragen von Urbanisten, Architekten und Soziologen. Erbaut wurde es in den 1920er Jahren von dem Unternehmer und Schuhfabrikanten Tomáš Baťa, und es war in Idee und Umsetzung von Anfang an eine „City of Functionalism“ – ein Ort, an dem noch die letzten Aspekte des sozialen Lebens – also Bildung, Freizeitgestaltung und Arbeit – der betrieblichen Organisation und dem effizienten Produktionsablauf der alles dominierenden Fabrik untergeordnet waren.

Die Verquickung von privatem und öffentlichem Leben mit dem Interesse der bald schon weltweit erfolgreichen Fabrik machte aus Zlín eine verwirklichte Sozialutopie: Hier wurden nicht bloß Schuhe produziert, sondern auch der Neue Mensch. Kollektive Arbeit und individuelles Wohnen wurden architektonisch durch eine standardisierte Modellbauweise ermöglicht, während die Produktion ganz im Sinne fordistischer Fließbandarbeit funktionierte, die Baťa zu Beginn des Jahrhunderts in den USA kennengelernt hatte. Die Stadt Zlín erwies sich als seriell reproduzierbares Produkt: Der Konzern baute bald in aller Welt neue Satellitenstädte nach identischen architektonischen Vorgaben.

Während der Funktionsmechanismus und der planerische Gedanke dieses genuin modernen Unterfangens viele Parallelen in der Gegenwart hat, erscheint die politische Dimension Zlíns heute ambivalent: Bei aller Fortschrittsgläubigkeit fußte die Vision Tomáš Baťas schließlich auf einem repressiven Kontrollapparat, der die Firmenmitglieder und Bürger der Stadt niemals in privater Autonomie und Souveränität anerkannte. Dieses Modell bediente sich zwar bei linken und egalitären Gesellschaftsentwürfen seiner Zeit, zielte aber gleichwohl auf das genuin kapitalistische Ziel der Gewinnmaximierung eines privatwirtschaftlichen Unternehmens. Zlín war nichts anderes als eine Stein gewordene Corporate Identity; das aber muss unter demokratischen Vorzeichen heute zwangsläufig problematisch erscheinen.

Ausgehend von der Stadt Zlín diskutieren die Vorträge und Podiumsdiskussionen des Symposiums das Phänomen Baťa im historischen Kontext der Moderne. Sie fragen danach, inwieweit Stadtutopien auch Sozialutopien sein können und spüren dem möglichen Widerspruch zwischen Moderne und Urbanität nach. Schließlich erörtern sie die sozialutopischen Aspekte des Marketings. Und stets geht es darum, ob Zlín in positiver oder negativer Weise ein Lernmodell für aktuell relevante Fragestellungen sein kann.

Am Symposium sind hochrangige Architekten, Urbanisten, Historiker, Soziologen und sonstige internationale Wissenschaftler beteiligt. Darunter: Vladimír Šlapeta, Eric Mumford, Rostislav Švácha, Winfried Nerdinger, Richard Ingersoll, Annett Steinführer, Daniel M. Abramson, Radomíra Sedláková, Karin Wilhelm, Grzegorz Piątek, Arnold Reijndorp, Cyril Říha, Petr Szczepanik, Andreas Ruby, Gunter Henn, Annette Baldauf , Štefan Šlachta, Regina Bittner und viele mehr.

Was dieses Symposium von gewöhnlichen akademischen Formaten unterscheidet: Es findet nicht bloß an einem Ort statt, sondern ist stattdessen als mäandrierendes Format angelegt: So wird der Diskussionsgegenstand – Zlín – vor Ort erlebbar: So genannte „walks & talks“, das sind von Expertengesprächen begleitete Stadtspaziergänge, bringen den Besuchern den Kosmos Baťa näher. Ausgewiesene Kenner der Stadt führen ihre Gäste nicht nur zu den markantesten Bauten, sondern auch zu ortsansässigen Gesprächspartnern, die im Sinne einer Oral History von geschichtlichen Aspekten und der gegenwärtigen Situation berichten. So wird auf lebendige Art und Weise deutlich, wie sich der Alltag in diesem Denkmal der Moderne gestaltet. Ein Besuch der Zlíner Filmstudios und eine lange Filmnacht führen vor Augen, dass hier seit den 1930er Jahren nicht bloß Werbe- und Lehrfilme des Konzerns hergestellt, sondern mit ebenso avancierten technischen Mitteln später auch großen Einfluss auf die gesamte tschechoslowakische Trick- und Marionettenfilmproduktion ausgeübt wurde.

Mehr Informationen zu unseren Projekten finden Sie unter: www.projekt-zipp.de.

Wir freuen und auf Ihr Kommen!
Ihr Zipp-Team

 
 

Impressum / Drucken