Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

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Reißverschluss am Trainingsanzug der Geschichte



Christiane Kühl: Herr Kafka, Sie sind Diplomat, Politiker, Kulturmanager, Schriftsteller und Übersetzer. Wie würden Sie, aufgrund Ihrer breiten beruflichen Praxis und Lebenserfahrung in beiden Ländern, das Verhältnis zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik aktuell beschreiben?

Tomáš Kafka: Also wenn man es sehr kurz machen soll: Es ist belastbarer geworden. Wir haben endlich akzeptiert, dass wir Partner sind – wobei wir uns diese Partnerschaft zunächst erarbeiten mussten. Noch in den 1990er-Jahren hatten wir die Emotionen nicht richtig im Griff. Man setzte damals eine größere Nähe zueinander voraus, und jede Komplikation, jede Abweichung wurde als Störfaktor missverstanden. Erst 1997, mit der Deutsch-Tschechischen Deklaration, wurde ein Durchbruch erzielt, weil wir endlich aufhörten, uns gegenseitig umerziehen zu wollen. Da hat sich plötzlich herausgestellt, dass wir auf beiden Seiten lernfähig sind und sogar imstande, uns gegenseitig Respekt zu zollen. Respekt ist dabei das magische Wort. Wir haben eingesehen, dass wir keine einheitliche Lösung für unsere Probleme hinbekommen; aber wir haben gleichzeitig einen Kontext geschaffen, in dem wir ohne eine solche Lösung auskommen. Insofern ist unsere Entwicklung ein Beitrag zur Topografie des 21. Jahrhunderts, denn sie legt offen, wie man verwirrte Beziehungen wieder entwirren und damit in eine Erfolgsstory verwandeln kann.

Herr Weger, Sie haben sich als Historiker intensiv mit der Beziehung beider Länder beschäftigt, vor allem mit den Beziehungen seit 1938. Wie würden Sie das aktuelle Verhältnis beschreiben? Und inwieweit, würden Sie sagen, lässt sich dieses Verhältnis auch im 21. Jahrhundert nur mit Blick auf die Geschichte des 20. begreifen?

Tobias Weger: Um diese Frage zu beantworten, muss man zwischen Geschichte und Erinnerung unterscheiden. Es gibt die real erlebte Geschichte, die beide Nationen – Deutsche und Tschechen – erlebt haben, und es gibt die Erinnerung, in der die Geschichte weiterwirkt. Diese Erinnerung kann sehr unterschiedlich sein, aber sie hat immer etwas mit Identität von Gruppen zu tun, hier mit der von Nationen. Das ist deutlich an den Debatten zu sehen, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begannen und Themen aufs Tapet brachten, die man für längst erledigt hielt: Vertreibung, das kommunistische Erbe etc. Erinnerung ist also lebendig, dessen muss man sich bewusst sein. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Dass in das deutsch-tschechische Verhältnis seit 1997 sehr viel mehr Nüchternheit eingekehrt ist, hat auch mit dem Beitrag verschiedener Institutionen zu tun. Etwa des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums oder der Deutsch-Tschechischen Historikerkommission, eingerichtet von den Außenministerien der beiden Länder. Auch hier geht es nicht darum, eine in jedem Punkt gleiche Darstellung der Geschichte zu konstruieren, sondern darum, sich gegenseitig Geschichte verständlich zu machen. Wenn der Austausch von Sichtweisen in einem nicht emotionalen Klima stattfindet, kann das zu sehr konstruktiven Ergebnissen führen. Aus Historikersicht würde ich also sagen, dass die deutsch-tschechischen Beziehungen auf einem guten Weg sind.

Frau Klingan, Ihr Verhältnis zu Tschechien ist weniger ein historisches als ein expli zit zeitgenössisches; Ihre Ost- und Mitteleuropa-Expertise ist in erster Linie auf direkten Austausch mit Kulturschaffenden der betreffenden Länder gegründet. Als Sie vor einem Jahr begannen, im Rahmen von Zipp mit tschechischen Künstlern und Wissenschaftlern Gespräche über das Projekt zu führen, mit welchem Gepäck im Kopf sind Sie da nach Prag gereist? Und mit welcher Haltung sind Sie bzw. die Idee dieses Austauschprojekts empfangen worden?

Katrin Klingan: Mein Gepäck im Kopf und die anfängliche Haltung gegenüber der Idee des Austauschprojekts bedingten sich natürlich gegenseitig: Ich würde da von einer nachvollziehbaren Distanz sprechen. Einen gemeinsamen Rhythmus findet man erst Schritt für Schritt. Jemandem im benachbarten „Ausland“ zu erklären, dass die Austauschprojekte der Kulturstiftung des Bundes mit den neuen EU-Mitgliedsstaaten nicht repräsentative Instrumente staatspolitischer Begegnungen sind, sondern, im Gegenteil, gelenkige Vehikel für engagierte Kulturprojekte, braucht seine Zeit. Und gegenseitiges Vertrauen. Was unser Verhältnis zum Zeitgenössischen betrifft: Es stimmt, Zipp richtet sich an Kunst- und Kulturschaffende, die sich aktueller Themen und Verfahrensweisen bedienen, aber das heißt nicht, dass wir die Vergangenheit ignorieren. Wir reagieren auf ihre Komplexität, indem wir unsere Arbeit auf die konkrete Schnittmenge von zeitgenössischer Kultur und gesellschaftlicher Gegenwart konzentrieren. Nicht Geschichte aufarbeiten, sondern uns auf die Suche nach verbindenden Elementen der Zeitgenossenschaft begeben, um im Rahmen der gemeinsamen Projekte transnationale Prozesse der Gegenwart zu untersuchen. Beispielsweise wie die Veränderungen der vergangenen 20 Jahre ästhetisch überzeugend reflektiert werden können oder welche Visionen die Kunst entwickeln kann, die über die Vorschläge der politischen Vernunft hinausgehen.

Kafka: Der Mensch ist ja ein Wesen, das sich, um seine relativ einfältige Gegenwart zu bewältigen und in die Zukunft zu blicken, gern auf seine Geschichte stützt. Dabei ist ein unterschwelliges Phänomen von immenser Bedeutung: Wir brauchen es, dass unsere Geschichte eine gewisse Kontinuität aufweist. Aber das vergangene Jahrhundert hatte wahnsinnig viele Brüche. Und so versuchen wir seit Jahren sehr verkrampft, aus Diskontinuitäten eine Kontinuität zu machen. Das ist töricht, doch wir können wohl nicht anders.

Weger: Wobei es im Blick auf das 20. Jahrhundert eine gewisse Perspektivenverschiebung gibt. Ich beobachte in den letzten Jahren in Deutschland, dass man dazu tendiert, das 20. Jahrhundert als ein Jahrhundert der Schrecklichkeiten zu betrachten, was sich natürlich aus der deutschen Geschichte und dem Nationalsozialismus erklärt. Dabei hat man aber Schwierigkeiten, zu akzeptieren, dass gerade aus der Sicht der ost- und mitteleuropäischen Länder das 20. Jahrhundert auch jenes Jahrhundert ist, in dem nach verschiedenen Jahrhunderten der Fremdherrschaft eine nationale Emanzipation stattgefunden hat und auch erstmals demokratische Systeme geschaffen wurden, nämlich nach dem Ersten Weltkrieg.

Kafka: Man darf das 20. Jahrhundert weder idealisieren noch verteufeln. Wir sollten die Geschichte eher als Fitness-Studio sehen, in dem wir es uns nicht allzu bequem machen dürfen, sonst sind wir nämlich nicht fit für die Zukunft.

Fit für die Zukunft … Kommt da Zipp ins Spiel?

Klingan: Zipp soll, wie der Name nahelegt, wie ein Reißverschluss funktionieren … Nennen wir das Projekt also den Reißverschluss am Trainingsanzug der Geschichte! Ursprünglich haben wir den Namen allerdings gewählt, um das Ineinandergreifen zweier Seiten zu verbildlichen bzw. um ein Sinnbild für eine leichtgängige Verbindung zu schaffen, die haltbar ist, es aber nicht sein muss. Und wir wollten einen Alltagsbegriff, um wegzukommen von den wahnsinnig komplexen Bildern, die sich unweigerlich auftürmen, wenn man an die deutsch-tschechischen Beziehungen denkt.

Zipp ist natürlich nicht das erste deutschtschechische Austauschprojekt und auch nicht das größte – zuallererst wäre hier der Zukunftsfonds zu nennen, dessen Co- Geschäftsführer Sie, Herr Kafka, viele Jahre waren. Der Zukunftsfonds wurde 1997 gegründet und war ursprünglich auf zehn Jahre angedacht, auf Ihren ausdrücklichen Wunsch hin lief er jedoch 2007 nicht aus. Warum sind bilaterale Austauschprogramme im vereinigten Europa überhaupt noch nötig?

Kafka: Das Bilaterale ist eine wunderbare Zwischenstufe zwischen dem Nationalen und dem EU-Organisierten. Denn im nationalen wie im europäischen Bereich müssen wir viele Pflichtaufgaben erledigen. Was wir bilateral machen können, ist dagegen, was man im Eiskunstlauf die freie Kür nennt: Hier können wir ganz unabhängig entscheiden. Wir können ausprobieren. Wir können bestimmte Nischen ausfindig machen, in denen sich Menschen in einem für sie überschaubaren Bereich engagieren und auch über sich hinauswachsen können. Auf einmal sind sie Akteure auf einer internationalen Bühne und können etwas bewegen. Das ermöglicht eine Art Katharsis von unten. Bilaterale Beziehungen sind ein wunderbarer Luxus, den wir alle verdienen.

Der Zukunftsfonds ist ein mächtiges Instrument, ausgestattet mit 85 Millionen Euro allein für die ersten zehn Jahre. Zipp, angelegt auf zweieinhalb Jahre und ausgestattet mit drei Millionen Euro, ist da vermutlich nicht als Konkurrenzprojekt angelegt, sondern ergänzend. Was will und kann Zipp leisten, was dem Zukunftsfonds nicht gelingt?

Klingan: Fakt ist, dass Zipp, wie bereits seine Vorgängerprojekte Büro Kopernikus und Bipolar, auf dem weiten Feld der „Diplomatien des Kulturaustauschs“ eine Ausnahmeerscheinung ist. Die Initiative der Kulturstiftung des Bundes ermöglicht es, direkt auf die jeweilige Situation der kulturellen Landschaft zu reagieren und thematische Projekte in intensiver Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Akteuren, Initiativen oder Institutionen anzustoßen. Im Gegensatz zum Zukunftsfonds ist Zipp ein kuratiertes Projekt, das sich auf einige wenige, dafür größere Projekte konzentriert. Im Fokus stehen Fragen, die heute in Deutschland und Tschechien gleichermaßen relevant sind: nach dem Erbe der Demokratiebewegungen, den Erfahrungen des Transformationsprozesses oder der Zukunft der Städte. Also Sie sehen, wir setzen nicht auf Konkurrenz, sondern auf Komplementierung. Tatsächlich war mir aber das Gespräch in der hier versammelten Besetzung für unser Magazin genau deshalb so wichtig, weil es eben zahlreiche Institutionen und Initiativen gibt, die zur Verbesserung des komplexen deutsch-tschechischen Verhältnisses beitragen wollen. Ich muss zugeben, dass ich anfangs nicht wenig erstaunt war, wie viel Aufmerksamkeit das diplomatische Feld dieser Verbesserung nach wie vor einräumt und welche Dominanz dieser Diskurs in der Verhältnisbeschreibung der beiden Länder noch hat. Manchmal bin ich aber nicht sicher, ob die strukturellen Maßnahmen wirklich dem aktuellen Verhältnis entsprechen. Meine Gespräche mit Kulturschaffenden und Künstlern im vergangenen Jahr zeigen, dass der problematisierte Blick der Nachbarländer aufeinander sich zumindest in diesem Feld emanzipiert hat. Unser Thema war selten das deutsch-tschechische Verhältnis, sondern viel eher die Suche und Anbindung an internationale Diskurse und Netzwerke.

Herr Weger, für wie sinnvoll halten Sie bilaterale Projekte im Zeitalter der Globalisierung noch? Und welche Funktion kann ein so kleines Projekt wie Zipp erfüllen?

Weger: Obwohl ich überzeugter Europäer bin, halte ich die bilateralen Beziehungen für enorm wichtig. Aus dem genannten Grunde: Sie bieten eine kreative Spielwiese. Da kann anderes entstehen, als wenn sich 27 Staaten auf etwas einigen müssen.

Aber gilt das auch für den kulturellen Bereich? Die Kunst ist doch schon lange international und international vernetzt, nicht zuletzt schlicht durch den Kunstmarkt.

Weger: Die Kunst ist natürlich seit Jahrhunderten globalisiert, da findet ein wechselseitiger Einfluss statt. Gleichwohl gibt ein bilaterales Programm wie Zipp einem Staat wie der Tschechischen Republik überhaupt erst eine Chance, in dieser Breite in der deutschen Kulturszene präsent zu sein. Objektiv ist Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern in Europa ein mächtiger Faktor; die Tschechische Republik ist mit zehn Millionen ein deutlich kleinerer Staat. Wenn nun Deutsche und Tschechen in einem bilateralen Projekt zusammenarbeiten, heißt das, dass sie sich auf gleicher Ebene begegnen und einen echten Dialog als gleichberechtigte Partner führen.

Kafka: Wenn alles internationalisiert wäre, würde alles nur noch auf dem Markt der Übertreibungen stattfinden. Um in der globalisierten Welt überhaupt gehört zu werden, wird laut geschrien, wird überspitzt, werden strategische Schachzüge vollzogen. Da gibt es keine Muße. Man muss, auch im Kunstbereich, Konstellationen schaffen, in denen auch leisere Töne möglich sind.

Liegt hier das Zipp-Potenzial?

Kafka: Was an Zipp sehr wichtig ist, ist, dass das Programm kuratiert wird. Beim Zukunftsfonds ist die Bewerbung um Förderung offen für jeden; die Definitionshoheit dessen, was gemacht werden soll, liegt also ganz bei den Antragstellern. Gerade im Gegensatz dazu ist es gut, dass bei Zipp „von oben“ entschieden wird, weil damit auch Räume eröffnet werden, die sich die „von unten“ gar nicht vorzuschlagen trauen würden. Das bringt neue Impulse. Weger: Es ist ja in der normalen Praxis unüblich, dass etwa Leute vom Theater mit Historikern zusammen ein Projekt angehen. Das zum Beispiel hat Zipp angestoßen. Anders wäre das Projekt zu 1968 / 1989 nicht zustande gekommen – was schade wäre, denn wir sehen jetzt schon, dass die Kooperation sehr fruchtbar ist. Die Historiker können von der Spontaneität der Theatermacher einiges lernen.

Wie stellt sich die aktuelle Situation der Künste in Tschechien dar? Und auf welchen ästhetischen Mehrwert, sollte es so etwas überhaupt geben, zielt Zipp für Prag und Berlin?

Klingan: Die Situation, die Sie ansprechen, stellt sich natürlich vielschichtig, komplex und spannend dar, wie immer, wenn man die Möglichkeit hat, Einblicke in das künstlerische Schaffen an bestimmten Orten zu bekommen. Zeugnis davon geben die Projekte im Rahmen von Zipp. Wir alle wissen, dass die Voraussetzungen für zeitgenössische Kunstproduktion und ihre Organisation, im europäischen Kontext betrachtet, sehr unterschiedlich sind. Für uns, von außen betrachtet, ist es schlecht nachvollziehbar, dass beispielsweise eine Institution wie das Archa Theater in Prag nach wie vor um ihre Existenzberechtigung kämpfen muss. Das Archa ist anerkanntermaßen die Institution in der tschechischen Republik für aktuelle Auseinandersetzungen im Bereich Tanz, Theater und Performance, sowohl auf internationaler als auch auf lokaler Ebene. Eine Leerstelle wie diese fällt auf, weil sie in so krassem Gegensatz zur generellen Entwicklung Prags steht. Da fragt man sich unweigerlich, warum tut sich eine Stadt wie Prag, die ihre historische Fassade so imposant instand gesetzt hat, mit der Gegenwart so schwer? Der Mehrwert, den Zipp in diesem Zusammenhang schaffen kann, wird weniger in der Ästhetik zu finden sein als im Kontext, den wir bieten können: die Zusammenschau mehrerer Perspektiven im Rahmen eines thematischen Projekts. Das ist immer ein Gewinn! Wie die schon erwähnte Zusammenarbeit bei 68 / 89 – Kunst.Zeit.Geschichte. Ein Stoff wie dieser ist natürlich besonders spannend, denn man kann kaum davon sprechen, dass über die Bedeutung der Ereignisse in den verschiedenen Ländern Konsens herrscht. Wichtig war uns auch, die kulturelle Entwicklung nach 1968 und das Schicksal der Ost-West-Kontakte in den 1970ern in den Blick zu nehmen sowie nach der Rolle der 68er beim Zerfall des Kommunismus 1989 zu fragen. Und danach, welche Mythen und Symbole heute die Erinnerungen prägen.

Weger: Zunächst einmal gibt es ja sogar nationale Binnendiskurse zum Thema in beiden Gesellschaften – es herrscht doch nicht mal Konsens, was ’68 für das eigene Land bedeutet hat. Wobei natürlich noch hinzukommt, dass das heutige Deutschland sich aus der alten BRD und der DDR konstituiert, wo die Ereignisse auch ganz unterschiedlich wahrgenommen wurden und anders erinnert werden. Darüber hinaus muss man ’68 natürlich auch global verorten, im Kontext von Paris, den USA, Vietnam, aber auch von Rumänien und den März-Ereignissen in Polen. Unterschiedliche Phänomene, die alle miteinander in Beziehung standen, auch wenn das zeitgenössisch nicht unbedingt so wahrgenommen wurde. Über die Kooperation im Rahmen von Zipp können sie erschlossen werden, da sehe ich ein großes Potenzial.

Kafka: Man muss aufpassen: Das kann auch ein Beispiel werden für diese Sisyphusarbeit, Kontinuität einzupflanzen, wo Diskontinuität klafft. Für unsere Nachbarschaft bedeutete ’68 nämlich für lange Zeit das Aus. Die Zerschlagung der Illusionen bei uns durch den Einmarsch der Russen und auch die Stagnation der Bewegung in Deutschland in den 1970er-Jahren führten dazu, dass jeder wieder zutiefst mit sich selbst beschäftigt war. Man hat sich total auseinandergelebt. Der ’68 einsetzende Verlust von Gemeinsamkeiten sollte auch mal diskutiert werden, das gehört ebenso zur Reflexion des 20. Jahrhunderts.

Herr Kafka, Sie haben den „Struwwelpeter“ ins Tschechische übersetzt … Welcher Vers hat Sie am meisten über die Deutschen gelehrt?

Kafka: Oh, da kann ich leider nichts zitieren. Es war aber sehr lustig, dass sich nach der Veröffentlichung sofort eine Redakteurin der „Prager Zeitung“ beim Zukunftsfonds gemeldet hat, um in Erfahrung zu bringen, „wer das verbrochen hat“. Sie war sich sicher, die Idee hinter der Veröffentlichung könne nur sein, zu zeigen, wie schrecklich die Deutschen sind. Als ich ihr erklärte, dass genau der „Struwwelpeter“ ein Grund dafür ist, warum ich die deutsche Kultur so schrecklich gern habe, war sie sehr verblüfft. In der Rezension des Buchs stand dann, ich hätte zumindest im Vorwort erwähnen müssen, dass es in Deutschland auch eine Phase der antiautoritären Erziehung gegeben hätte … Sie sehen, es gibt wirklich noch eine Menge übereinander zu lernen.



Tomáš Kafka
Geboren 1965 als Sohn des KafkaÜbersetzers Vladimír Kafka; leitet die Abteilung Mitteleuropa im tschechischen Außenministerium; zuletzt Kogeschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds; seit 1995 Übersetzung deutschsprachiger Autoren wie Bernhard Schlink, Durs Grünbein, Thomas Brussig, Jiří Gruša, F. C. Delius und Werner Schwab. 2001 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Katrin Klingan
Geboren in Lienz, Österreich. Studium der Komparatistik und Hispanistik an den Universitäten Wien und Madrid. Von 1998 bis 2001 Dramaturgin bei den Wiener Festwochen. In den Jahren 2001 und 2002 Beraterin für kulturelle Schwerpunktsetzungen der Erste Bank-Gruppe in Österreich, Tschechien, Kroatien und der Slowakei. Von 2003 bis 2006 künstlerische Leiterin des Projekts relations. Vorstand von relations e.V. und seit 2007 Leiterin von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte.

Tobias Weger
Geboren 1968 in München; Geschichts-, Französisch- und Volkskundestudium in München; wissenschaftlicher Mitarbeiter am Stadtarchiv München; Kulturreferent für Schlesien am Schlesischen Museum zu Görlitz; seit 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Oldenburger Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa; 2005 Promo tion in Oldenburg. Mitglied des Kuratoriums von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte.

Christiane Kühl
lebt als freie Journalistin in Berlin. Sie war Kulturredakteurin der taz/tageszeitung, Theaterredakteurin des KulturSPIEGEL sowie Hörfunkredakteurin bei radio eins/rbb; heute arbeitet sie für diverse Publikationen, unter anderem als Redakteurin des Magazins „herbst. Theorie zur Praxis“ des steirischen herbst in Graz.


Der Text erschien im ersten Magazin von Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes, im Mai 2008.

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