Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

Lebenswelten /


Utopie der Moderne: Zlín /


Kafka /


1968|1989 /

 
Eine Initiative der
Kulturstiftung des Bundes
 

Zipp: Das sind deutsch-tschechische Kulturprojekte im Reißverschlussverfahren. Wie beim Zipper – oder Zip, wie es im Tschechischen heißt – wurden Künstler, Kulturschaffende und Wissenschaftler miteinander verzahnt. Sie fanden sich zu Kooperationsprojekten zusammen, die zwischen 2008 und 2010 unter dem Dach von Zipp realisiert wurden. Theater, Film und Radio, Architektur, bildende Kunst und Zeitgeschichte – so unterschiedlich waren die Formate, in denen sich die Beteiligten artikulierten. Ihren Arbeiten aber war gemein, dass sie sich an aktuell relevanten gesellschaftlichen Fragestellungen orientierten. Leichtgängigkeit – das heißt, dass hier zwar möglichst stabile Kooperationen und Denkzusammenhänge etabliert wurden, die zugleich aber auch flexibel waren und so helfen sollten, die Verfestigungen, von denen das deutsch-tschechische Verhältnis nicht zuletzt aus historischen Gründen noch vielfach geprägt ist, zu lockern.

Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte ist eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes, die hier schon zum dritten Mal den bilateralen Kulturaustausch zwischen einem west- und einem osteuropäischen Land befördert. Vorausgegangen sind mit „Büro Kopernikus“ ein deutsch-polnischer und mit „Bipolar“ ein deutsch-polnischer Kulturaustausch. Und all diesen Vorhaben ist eines gemeinsam: Sie legen es nicht auf repräsentative Veranstaltungen mit kurzer Halbwertszeit an, sondern vielmehr auf eine mehrjährige Arbeit zwischen Ost und West.

Die „Diplomatien des Kulturaustauschs“ sind ein weites Feld, in dem sich Zipp durch eine Konzentration auf transnationale Zeitgenossenschaft positioniert. Der ausdrückliche Bezug auf unsere komplexe Gegenwart soll helfen, die Bedingungen des künftigen Zusammenlebens in Europa zu verstehen. Dass diese Orientierung an der Gegenwart nicht mit Geschichtsvergessenheit einhergehen kann, zeigen die historischen Bezugspunkte, auf die die Projekte immer wieder zurückkommen: Würden beispielsweise nicht ständig die Zäsuren von 1968 und 1989 in den Blick rücken, so bliebe die Realität des Jahres 2008 unverständlich. Zipp stellt Fragen, die weit über das deutsch-tschechische Verhältnis hinausreichen: Die beteiligten Künstler und Wissenschaftler reflektieren das Erbe der Demokratiebewegungen, Transformationsprozesse in einer globalisierten Welt und die Zukunft der Städte im postindustriellen Zeitalter. Eine solche dezidiert thematische Ausrichtung kann sich nur in einem kuratierten Projekt entfalten. In dieser Hinsicht ergänzt sich Zipp übrigens auch mit anderen bilateral agierenden Institutionen, die ihre Förderungen im Anschluss an offene Antragsverfahren vergeben, ihre inhaltliche Ausrichtung also erst durch die jeweiligen Konzepte der Antragsteller erhalten.

1968/1989, Kafka, Lebenswelten, Utopie der Moderne: Zlín – so lauten die Titel der vier großen Themenlinien des Zipp-Programms. Wie verhalten sich die Systemwechsel von '68 und '89 zueinander, und was ist ihr Erbe für eine Gegenwart, die innerhalb nationaler Grenzen längst nicht mehr begriffen werden kann? An welchen Utopien versuchte man sich zeitgleich in Ost und West; wie waren die Übereinstimmungen und Differenzen, wie die Missverständnisse gelagert? Das sind zentrale Fragen dieser deutsch-tschechischen Kooperationen. An Kafka, dem deutschsprachigen Schriftsteller aus Prag, wird deutlich, welche Sprengkraft die Literatur innerhalb einer politischen Bewegung haben kann; an der Planstadt Zlín, wie eine moderne Sozial- und Bauutopie den Zeiten- und Systemwechsel überdauert hat und heute zur Nagelprobe für den Umgang mit unserem postindustriellen Erbe geworden ist. Nahaufnahmen von gegenwärtigen Lebenswelten dies- und jenseits der Grenze zeugen vom Bewusstsein der Nachbarschaft, aber auch von der gegenseitigen Ignoranz derjenigen, die nun durch keinen Eisernen Vorhang mehr getrennt werden.

Übrigens: Der Reißverschluss wurde im Jahr 1893 patentiert, musste dann aber noch 30 Jahre warten, bis er zum serienreifen Produkt wurde. Die Laufzeit von Zipp ist wesentlich kürzer, und es ist kaum zu erwarten, dass die Kooperationspartner währenddessen zu serienreifen Ergebnissen gelangen. Genau darum aber geht es Zipp auch gar nicht. Weil hier keine Reißverschlüsse verkauft, sondern langfristige Auseinandersetzungen angeregt werden sollen, lautet die Devise: Je länger es dauert, desto besser. Und wo es mal hakt, entsteht vielleicht ein neuer Gedanke.
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Lebenswelten

Unter der Überschrift „Lebenswelten“ reflektierten und kontrastierten drei Zipp-Projekte die Realität beider Länder in unterschiedlichen künstlerischen Formaten. Für „rádio d-cz“ beispielsweise produzierten Rundfunksender in Deutschland und Tschechien fünf Radiokunstarbeiten von Autoren, Hörspielmachern und Komponisten, die individuelle und kollektive Erfahrungen in den Nachbarländern experimentierfreudig einfingen und in Klang verwandelten. „Vùng biên giới“, ein Theaterprojekt mit Experten aus Dresden und Prag, wurde von der Gruppe Rimini Protokoll (Helgard Haug / Daniel Wetzel), vielfach ausgezeichnet für ihre Arbeiten mit Laien, entwickelt. Fünf Dokumentarfilme rückten unter dem Titel „Breathless“ die Umbrüche in Deutschland und Tschechien der vergangenen Jahrzehnte in den Blick.
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Utopie der Moderne: Zlín

Die mährische Stadt Zlín ist eine Modellstadt der Moderne. Erbaut in den 1920er- und 1930er- Jahren des 20. Jahrhunderts, orientiert sie sich an der funktionellen Stadt Le Corbusiers, an Howards Gartenstadt und Garniers Cité industrielle. Ihr urban-utopischer Anspruch macht sie zu einem einzigartigen städtebaulichen Beispiel europäischer Industriegeschichte – untrennbar verbunden mit der Zlíner Firma Baťa, einem der einst weltweit größten Schuhproduzenten. Die Erfolgsgeschichte des Firmengründers Tomáš Baťa wie auch die Architekturgeschichte Zlíns sind wissenschaftlich gut aufgearbeitet; was aussteht, ist eine umfassende Analyse des „Utopieprojekts Zlín“ unter vergleichenden ideologiekritischen Gesichtpunkten von Urbanität, aber auch unter dem Aspekt der Revitalisierung der Diskussion um Modernität und Stadt. Mit einem Symposium vom von 19. bis 23. Mai 2009 in Zlín und Prag sowie einer Ausstellung im Herbst 2009 wurden erstmals die ökonomischen und sozialen, biografischen und architektonischen Zusammenhänge dieses utopischen Städtebauprojekts analysiert. Somit leisteten Symposium und Ausstellung einen wichtigen Beitrag zur aktuellen europäischen Urbanitätsdiskussion.
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Kafka

Als eine der geistigen Voraussetzungen des tschechoslowakischen Aufbruchs, der 1968 im „Prager Frühling“ gipfelte, gilt die Kafka-Konferenz auf Schloss Liblice im Jahr 1963. Zum 125. Geburtstag von Franz Kafka wurde das Spannungsfeld dieser beiden Daten neu ausgelotet. Unter dem Titel „Kafka und die Macht. 1963–1968–2008“ hat eine Konferenz in Liblice im Oktober 2008 die verschiedenen Blickwinkel von Literaturwissenschaftlern, Zeitzeugen, Historikern und Philosophen auf die Ereignisse und ihren Zusammenhang in Beziehung zueinander gesetzt. Daneben unterstützte Zipp über einen Zeitraum von 20 Monaten die wissenschaftliche Arbeit an der insgesamt auf 30 Bände angelegten historisch-kritischen Franz Kafka-Ausgabe (FKA) der Germanisten Roland Reuß und Peter Staengle. Die FKA hat zum Ziel, das gesamte überlieferte Werk Kafkas in authentischer Form und mithilfe vollständiger Faksimilierung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
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1968|1989

1968|1989 – diese Daten sind nicht isoliert zu denken; vielmehr wird das Vexierspiel der Jahreszahlen erst interessant, wenn auf den Zwei- ein Dreischritt folgt und man die Ziffer 2008 mitdenkt. Die Jubiläumsjahre 2008 und 2009 erzeugten eine immense Aufmerksamkeit für ’68 und ’89. Dabei bot der Vergleich zwischen Ost und West durchaus Anlass zur Irritation. Denn das musste schon Rudi Dutschke in Prag erfahren: Die Revolte fand zwar zeitgleich statt, fußte aber dennoch auf grundverschiedenen ideologischen Annahmen. Was daraus nach dem Fall des Eisernen Vorhangs geworden ist, welche Träume in Erfüllung gingen und welche verraten wurden, untersuchten Historiker, Dramaturgen und Künstler gemeinsam im Zipp-Projekt 68/89 – Kunst.Zeit.Geschichte. Daraus entstanden vielfältige Formate der künstlerischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung: fünf Themenabende in Berlin, Hamburg, Prag, Žilina und Brno sowie sechs Theaterproduktionen, eine Konferenz und vier Journale. Die Publikationen sind vor Kurzem unter dem Titel Transit 68/89 im Metropol Verlag in Buchform erschienen.
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Hintergrundtext

Reißverschluss am Trainingsanzug der Geschichte
Über zwei Jahre wird Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte mit sieben gezielt initiierten Projekten den deutsch-tschechischen Kulturaustausch bereichern. Künstler, Kulturschaffende und Wissenschaftler aus beiden Ländern kooperieren in verschiedenen Konstellationen, um die Herausforderungen europäischer Gegenwart gemeinsam und kreativ zu verhandeln. In Ausstellungen, Theaterstücken, im Radio und auf Konferenzen. In welchem Kontext aber geschieht das? Wie komplex ist das deutsch-tschechische Verhältnis, wie mächtig die Vergangenheit, wo liegen die Grenzen gut gemeinter Diplomatie, welche Chancen bietet Zipp? Katrin Klingan, Leiterin von Zipp, Tomáš Kafka, Diplomat im tschechischen Außenministerium, und Tobias Weger vom Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa im Gespräch, Moderation: Christiane Kühl.
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