Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

Lebenswelten /


Utopie der Moderne: Zlín /


Kafka /


1968|1989 /

 
Eine Initiative der
Kulturstiftung des Bundes
 

Vùng biên giới , Breathless, rádio d-cz

DAS LEBEN DES NACHBARN IST IMMER AUCH DAS LEBEN DES ANDEREN. Da kann man tausendmal auf dem Flur geplaudert, sich zum Kaffee eingeladen oder abwechselnd die Blumen gegossen haben – fällt die Wohnungstür erst einmal ins Schloss, lässt man den Nachbarn Nachbarn sein und lebt sein eigenes Leben. Mit Nachbarländern ist das nicht anders.

Deutsch-tschechische Lebenswelten sind zunächst einmal die Lebenswelten der Deutschen und der Tschechen. In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts zählt dabei die unmittelbare Nachbarschaft immer weniger: Ökonomie, Tourismus und Migration prägen die spezifischen Erfahrungen und werden zu Paradigmen, die sich aus Verhältnisbeschreibungen im mitteleuropäischen Kontext kaum noch erklären lassen. Es ist unstrittig, dass ohne das Bewusstsein der gemeinsamen Geschichte und ohne den Versuch des transnationalen Brückenschlags kein Weiterkommen ist. Der Erfolg eines bilateralen Kulturprojekts wird aber immer auch von der Genauigkeit abhängen, mit der es die konkreten Lebensumstände der Menschen ins Visier nimmt, die in den jeweiligen Ländern leben. Hierzu entwickelte Zipp drei Projekte in unterschiedlichen künstlerischen Formaten.

Niemand, der nicht näher hingeschaut hat, kann sagen, wie es etwa um den Alltag im deutsch-tschechischen Grenzgebiet steht. Wissen die Deutschen und Tschechen dies- und jenseits der Grenze nur, wo die billigsten Schnäppchen zu haben sind?
Was, so fragt die Theatergruppe Rimini Protokoll (Helgard Haug / Daniel Wetzel) mit ihrer Produktion Vùng biên giới, liegt zwischen Dresden und Prag? Vietnam. Es ist das Grenzgebiet einer Generationserfahrung: Als Vertragsarbeiter waren sie in die kommunistischen Bruderländer DDR und ČSSR gekommen, in Imbissstuben, Mini-Märkten und Grenze-Läden wuchsen ihre Kinder auf. Und die wollen nun mehr erreichen. Ein Staatsschauspiel.

Gleichzeitig fingen deutsche und tschechische Dokumentarfilmer im Rahmen des Projekts Breathless soziale Realitäten in einem Moment ein, in dem der Lebensalltag bereits von einer rasant beschleunigten Konsumkultur bestimmt wird. Mag sein, dass den Filmemachern erst in der gemeinsamen Arbeit bewusst wurde, wie sehr die Globalisierung ihnen gleichermaßen die Themen vorgab und wie stark auch in formaler Hinsicht die Ähnlichkeiten in der Dokumentarfilmtradition beider Länder sind.

Schließlich hatten diese Filmemacher mit den Radiokünstlern von rádio d-cz in beiden Ländern ein Problem gemein: Wie sollten sie ihre anspruchsvollen Arbeiten in einer immer weniger experimentierfreudigen Medienlandschaft mit zunehmend standardisierten Sendeformaten realisieren? Dabei ist doch gerade das Medium Radio zur flächendeckenden Verbreitung geeignet. Solange es nicht bloß über das Internet zur Sendung gelangt, bietet es der Kunst eine unvergleichlich große Plattform. Radio sendet direkt in die Lebenswelten seiner Hörer, wo sie sich auch gerade befinden mögen. Ist also nicht gerade der Äther geeignet, den Begriff der starren, in nationalen Begriffen gefassten Grenze infrage zu stellen?


Impressum / Drucken