Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

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1968|1989 /

 
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Kulturstiftung des Bundes
 

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KAFKA UND DIE TSCHECHOSLOWAKEI – DAS IST EINE GESCHICHTE VON DER SPRENGKRAFT DER LITERATUR. Dabei hätte sich der Schriftsteller wohl kaum träumen lassen, welche politischen Konsequenzen sein Schreiben einmal haben würde. Sorgsam hatte der ohnehin ängstliche Kafka unmittelbare Polemiken vermieden. Seine Literatur war rätselhaft und schwer zu entschlüsseln. Außerdem schrieb er in Deutsch, einer Sprache also, die kaum dazu angetan war, entscheidend in die politische Agenda der Tschechen einzugreifen. Es ist also ein Paradox: Gerade, weil Kafka zunächst unverdächtig schien, ließen die Genossen geschehen, was sich zwischenzeitlich zur ernsthaften Bedrohung ihrer Macht auswachsen sollte.

1963 diskutierten internationale Wissenschaftler in Liblice über Kafka und brachten damit einen Stein ins Rollen, der in den nächsten fünf Jahren zur Lawine werden sollte. Der Prager Frühling war nicht zuletzt die Konsequenz eines Nachdenkens über Literatur, das nicht in die starren Schemata des sozialistischen Realismus passte. Kafka-Leser hatten in Abgründe geschaut und sich psychologischen Rätseln ausgesetzt, die die Utopie des Neuen Menschen und die starre Sprache der Machthaber als Techniken der Unterdrückung erscheinen ließen. In diesem Klima hatte der Möglichkeitssinn der Literatur das Bewusstsein einer ganzen Gesellschaft geschärft, und so waren es nicht zufällig Schriftsteller, die die politischen Geschicke des Landes auch trotz des zwischenzeitlichen Scheiterns der Reformen künftig prägten.

Wie die politische Dimension des deutsch-tschechischen Literaten Kafka aus heutiger Sicht zu bewerten ist, das erörterte die von Zipp initiierte Konferenz „Kafka und die Macht“ im Oktober 2008. Internationale Wissenschaftler versammelten sich wie 1963 in Schloss Liblice, um den historischen Stellenwert der tschechischen Kafka-Rezeption zu diskutieren und aus aktueller Perspektive über die Wirkmächtigkeit literarischer Texte zu sprechen.

So herausragend die Rolle Kafkas für die politische Entwicklung der Tschechoslowakei war, so unbestritten seine Bedeutung für die Weltliteratur, muss doch eines umso mehr erstaunen: Bis heute existiert keine wirklich originalgetreue Ausgabe seiner Werke. Unendlich verdienstvoll ist deshalb die von Zipp unterstützte historisch-kritische Edition, die die Germanisten Roland Reuß und Peter Staengle nun vor bereits über einem Jahrzehnt in Angriff genommen haben. Wo bislang nur bereinigte Textfassungen vorlagen, werden die Manuskripte hier in größtmöglicher Genauigkeit dokumentiert und konserviert. Dem Leser eröffnen sich dadurch völlig neue Interpretationsmöglichkeiten. Das ist nicht zu unterschätzen: Wohin Kafka-Lektüren führen können, das beweist der Prager Frühling.


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