Zipp – deutsch-tschechische Kulturprojekte /

 

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1968|1989 /

 
Eine Initiative der
Kulturstiftung des Bundes
 

30.05.2008

18:00–01:00 | Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin
CROSSING 68/89
Protest, Reform und kultureller Aufbruch zwischen Prag und Berlin
Themennacht

Akteure einer grenzüberschreitenden Ideengeschichte begegneten sich: Ehemalige Protagonisten, Historiker, Künstler, Schriftsteller und Filmemacher beschwörten den Geist der Revolte in Prag und Berlin, Ost und West. Was von den Träumen von 1968 geblieben ist und was sie mit dem Umbruch von 1989 zu tun haben, das beleuchteten Diskussionen, Performances, Konzerte, Filme und Lesungen. Hintergrundmaterial zum Themenabend hier.

Programmkonzeption: Zipp - deutsch-tschechische Kulturprojekte (Katrin Klingan), sophiensaele (Heike Albrecht), id3d-berlin themengestaltung, Stephan Kruhl und Jan-Philipp Possmann in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (Dr. Jürgen Danyel, Dr. Jennifer Schevardo); Filmprogramm: Grit Lemke in Zusammenarbeit mit DOK-Leipzig; Produktionsleitung: Franziska Werner.

Programm:

EINFÜHRUNG/DISKUSSION

In den Abend führte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier ein. Anschließend diskutierten Jiří Dienstbier, erster postkommunistischer Außenminister der Tschechoslowakei, der ehemalige französische Premierminister Lionel Jospin, der polnische Publizist Adam Michnik, der Schriftsteller und Diplomat Jiří Gruša, der Sozialphilosoph Oskar Negt, der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer und andere. Die Diskussionsteilnehmer waren allesamt Akteure im Jahr 1968 und gaben ihre damaligen und heutigen Wahrnehmungen der Ereignisse des Jahres 1968 an den Orten Prag, Berlin, Warschau und Paris wieder und gingen der Frage nach, wie die Ereignisse von Ost und West unterschiedlich wahrgenommen wurden.

Ab 18 Uhr begann das Reenactment des Studententreffens Prag – Berlin 1968: Anfang April 1968 war Rudi Dutschke und weitere Studentendelegierte aus West-Berlin zur Christlichen Friedenskonferenz nach Prag eingeladen. Sie kamen ins Gespräch mit Studenten der Prager Karlsuniversität. Štěpán Benda brachte Teilnehmer dieser Begegnungen wieder zusammen. Die Aktivisten von damals zogen sich an diesem Abend in eine Gesprächsklausur zurück, die live in die Akademie übertragen wurde. (Mit: Zdeněk Zbořil, Jürgen Treulieb, Eva Quistorp, Milan Hauner, Richard Szklorz, Jana Kohnová-Holubová, Peter Steiner, Václav Trojan u.a.)


PERFORMANCE

Der tschechische Autor Jáchym Topol versammelte eine Gruppe von Altersgenossen - Aktivisten im Prager kulturellen „Underground“, Protagonisten der „Samtenen Revolution“ vom November 1989. Mit dem Kabinett Topol installierten sich die „Kinder von 1968“ im Foyer der Akademie als quasi-privater Debattierklub. Dem Zuschauer stand es frei, seine Position im Hause Topol selbst zu wählen: als Gast oder distanzierter Beobachter (ab 18 Uhr, u.a. mit: Jáchym Topol, Petr Placák, Jiří Peňás, Milena Oda, Edgar de Bruin, Juraj Horváth, Eva Profousová, Viktor Stoilov, Martin Machovec).

Der international renommierte Konzeptkünstler Jiří Kovanda wurde bekannt durch seine minimalistischen, subtilen Aktionen, die er seit den 70er Jahren im öffentlichen Raum durchführte. In seiner Performance für Crossing 68/89 nahm er Bezug auf eine Arbeit von damals: Am 18. November 1976 saß er in seiner Wohnung in Prag, mit dem Telefon vor sich auf dem Tisch, einen Ellbogen darauf gestützt. „Auf einen Anruf warten ...“ transportiert die lethargisch-depressive Stimmung dieser Zeit, in der man auch damit rechnen musste, abhört zu werden.

Tragen die Zukunftsperspektiven der 68er noch? Wo die Existenzangst regiert, wächst zugleich politische Resignation. performancereviewcommittee (prc) isolierte Partikel von '68, '89 und '08 zu einem Stimmungsbild: eine soziale Skulptur von Transferleistungsempfängern für Transferleistungsempfänger (21.30 Uhr, von und mit Christoph Ernst, Thomas Friemel, Barbara Hörtnagl, Daniel Philippen, Alice Schneider, Markus Weckesser).

Sie war eine Ikone der späten Sechzigerjahre - Sängerin der legendären Musikgruppe Velvet Underground, Model bei Coco Chanel, Muse von Andy Warhol. Als Christa Päffgen im Nazi- und Nachkriegsdeutschland aufgewachsen, begann sie ein neues, kreativ-selbstzerstörerisches Leben in Paris, New York und Ibiza - teutonisch kühl und todesnah. Oliver Sturm und Till Exit zeigten in NICO-Material eine Preview auf ihren Theaterabend im Herbst 2008. Die Rolle der Nico übernahm die 18-jährige Sängerin und Elektro-Musikerin SOAP&SKIN, deren todtraurige Lieder die Musikwelt derzeit in Begeisterung versetzen (ab 22.30 Uhr, u.a. mit: Gerd Bessler, Lutz Ulbrich/Lüül, Harry Hass)


MUSIK

Gespannt sein durfte man auf den Auftritt der legendären The Plastic People of the Universe: Gegründet 1968, benannt nach einer Textzeile von Frank Zappa und beeinflusst von Velvet Underground und den Doors, wurde die psychedelische Musik der Plastic People in den Siebzigerjahren zur politischen Botschaft. Die Verhaftung mehrer Bandmitglieder im Jahr 1976 und die folgenden Scheinprozesse waren ein Auslöser für die Charta 77.


FILM

Das Dokumentarfilmprogramm (ab 18 Uhr) verfolgte zwei Themenlinien: Den authentischen Einblick in die Ereignisse des Jahres von Anfang 1968 bis Anfang 1969 in Prag. Die hier gezeigten und bis 1990 verbotenen Werke und ihre Regisseure gehören zur „Neuen Welle“ im tschechoslowakischen Kino, die sich mit stark verschlüsselten, existentialistischen Werken bisherigen Tabuzonen der gesellschaftlichen Wirklichkeit ganz direkt näherte. Zum anderen lieferten Arbeiten aus den Jahren 1964 bis 1972, die sich auf Alltagserkundungen begeben, das Portrait einer Generation in der damaligen CSSR und DDR. Kontrastiert werden diese kritischen Alltagsschilderungen mit slowakischen Wochenschaubildern: absurde Verzerrungen von Plan- und Ernteschlachten, Parteikongressen, Staatsbesuchen, Maiparaden, dem „Held der Arbeit“. (Filme von Karel Vachek, Evald Schorm, Dušan Hanák, Jürgen Böttcher, Miloš Forman)

1993, mit dem Beginn der ersten Amtszeit Václav Havels als Präsident der neuen tschechischen Republik, fängt der Filmemacher Pavel Koutecký mit den Dreharbeiten zum Film Bürger Havel/Občan Havel (Regie: Pavel Koutecký/Miroslav Janek, Tschechische Republik 2008) ein Projekt an, das ihn und Havel mehr als ein Jahrzehnt beschäftigen wird. Entstanden ist ein vielschichtiges Porträt des charismatischen Literaten und ehemaligen Dissidenten, der nun in seinem politischen Amt selbst mit einer Opposition konfrontiert wird, gleichzeitig eine Momentaufnahme der einzigartigen historischen Umbruchsituation. Im Anschluss an die Vorführung (Beginn der Vorführung: 21.30 Uhr, Plenarsaal) gab es ein Gespräch mit der Produzentin des Films, Jarmila Poláková.



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